Am Baikalsee demonstrieren die Menschen gegen den Bau einer Öl-Pipeline
MDZ 2006-04-26
Das kleine Seehunde-Weibchen saust die Glasscheibe des Aquariums entlang, richtet sich kerzengerade auf und schnappt nach Luft. Dann senkt die Robbe mit dem grauen Fell den Kopf, guckt auf die Zuschauer und wischt sich mit der Flosse übers Gesicht. Dabei klappen ihre Augen zu, so als wolle die Kleine sagen, „Ihr wisst gar nicht, wie eng es hier ist.“
Das Aquarium im Baikal-Museum, in dem der kleine Seehund zusammen mit seiner Mutter lebt, befindet sich in der Nähe des Touristen-Ortes Listwjanka, nur 100 Meter vom Baikalsee entfernt. Dieser ist gewaltige 630 Kilometer lang, 50 Kilometer breit und bietet etwa 80 000 Baikal-Robben Lebensraum. Die Mutter des kleinen Seehund-Weibchens fand man auf dem Eis des Baikals mit einer Schusswunde im Rücken. Diese wurde genäht. Während ihr Junges aufgeregt durchs Becken rast, liegt die Mutter meist faul mit geschlossenen Augen am Beckenboden. Die Baikal-Robben sind die einzigen Süßwasser-Robben der Welt. Im Sommer tummeln sie sich auf den Felsen, im Winter leben sie unter der Eisdecke und schaben sich mit ihren scharfen Flossen Luftlöcher in das 90 Zentimeter dicke Eis. Der Baikalsee speichert ein Fünftel des weltweit vorhandenen Trinkwassers und ist die Heimat vieler Tiere und Pflanzen, die man nur in dieser Region findet.
Dazu gehört neben der Süßwasser-Robbe auch der Golomjanka, ein
lebend gebärender Fisch, der die kalten Tiefen des Baikal liebt. Den kleinen Fisch kann man im Aquarium des Museums genauso bewundern, wie seine großen Artgenossen, den Omul, den Charius und den Linok.
Noch ist der anderthalb Kilometer tiefe See weitgehend unverschmutzt. Doch der Baikal, den die Unesco auf Initiative russischer Umweltschützer 1996 zum Weltkulturerbe erklärte, ist in Gefahr: 1966 wurde im Süden des Sees ein Papierkombinat in Betrieb genommen. Obwohl es nach den damals gültigen Gesetzen schon 1992 seinen Betrieb einstellen sollte, produziert es noch heute und verschmutzt den Südteil des Baikalsees mit seinen Abwässern. Die Zellulose wird im Chlorbleichverfahren hergestellt.
Dabei werden Dioxine, Phenol und Chlorverbindungen frei. Jetzt droht dem einzigartigen See eine weitere Gefahr. Der russische Pipeline-Konzern Transneft plant eine Öl-Pipeline von Sibirien nach China. Die Energieader soll im Abstand von 800 Metern am Nordufer des Baikal vorbeiführen.
Die Vermessungsarbeiten am See haben bereits begonnen. „Es werden schon Schneisen in den Wald geschlagen“, berichtet Jenny Sutton von der Umweltorganisation Baikal-Welle in Irkutsk. Um die Baukosten des
Zwölf-Milliarden-Projekts nicht weiter in die Höhe zu treiben, will man
offensichtlich die T
des Sees durch bis zu 17 Kilometer lange Tunnel führt. Eine Nord-Route, die das Wasser-Einzugsgebiet des Baikalsees weiträumig umgangen hätte, wurde verworfen. Diese Route würde die Pipeline zum „Verlustprojekt“ machen, erklärte Sergej Grigorjew, stellvertretender Transneft-Chef, gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Wlast“. Schon jetzt befinde sich das Projekt „an der Grenze der Rentabilität“. Von der Öko-Bewegung fordert er „mehr Verantwortungsbewusstsein“. Dabei hatte sich sogar Putins Sibirien-Beauftragter, General Anatolij Kwaschnin, gegen die T
„Wir brauchen hier keine Öl-Pipeline“, meint Tatjana, die im Dorf Listwjanka, am Ufer des großen Sees, luftgetrocknete und geräucherte Sik-Fische an Touristen verkauft. „Der Baikal ernährt uns. Wir leben hier vom Tourismus“, meint die Hausfrau, die sich als Fischhändlerin Geld dazu verdient. „Wenn nur ein bisschen Öl ausläuft, ist unser See hin.“ Sie verstehe nicht, warum man gerade hier eine Pipeline baue, wo es doch täglich zu kleinen Erdstößen kommt, die immerhin so stark sind, dass das Geschirr klappert.
„Ich hatte Angst, dass mein Haus zusammenbricht. Die Balken krachten und alles, was an den Wänden hing, bewegte sich wie ein Uhrpendel.“ Mit diesen Worten beschrieb der deutsche Forscher Daniil Messerschmidt, der zehn Jahre am Baikal lebte, das Erdbeben vom 1. Febraur 1725. Das letzte große Beben mit der Stärke elf wurde im Jahr 1957 registriert. Die Chroniken berichten von Schlafenden, die aus den Betten geschleudert wurden, von Schornsteinen, die in sich zusammenfielen, von Kreuzen, die von Kirchdächern fielen, und von Quellen, die versiegten oder neu entstanden.
Valerij Imajew, Professor für Seismologie am Institut zur Erforschung der Erdkruste in Irkutsk, hat die Erdbeben der vergangenen Jahrhunderte erforscht. Auf seinem Computerbildschirm präsentiert er Luftaufnahmen der Bergreliefs um den Nordteil des Sees. Deutlich sind die Abschürfungen zu erkennen. Sie stammten von großen Gesteins-Verschiebungen, erklärt der Forscher, der in den 70er Jahren am Bau der Baikal-Amur-Eisenbahn beteiligt war. Der Nordbereich des Baikal liegt, so Imajew, mitten in einem Erdbebengebiet. „Am Baikal stoßen die indische und die eurasische Platte zusammen.“ Seit 26 Millionen Jahren bewegen sich die Kontinentalplatten aufeinander zu. Während die Platten vor 26 Millionen Jahren im Tempo von 25 Zentimeter pro Jahr zusammenprallten, hat sich die Geschwindigkeit heute auf fünf Millimeter im Jahr vermindert.
Wer denkt, die Russen würden sich nicht für Umweltprobleme interessieren, wird in Irkutsk – einer Industriestadt mit 600 000 Einwohnern – eines Besseren belehrt. Man hat den Eindruck, die Pipeline werde direkt durch die Gärten der Leute verlegt, so aufgebracht sind die Menschen, die um ihren geliebten See fürchten: Jeden Sommer wälzen sich Autokolonnen mit urlaubshungrigen Städtern auf dem „Baikalskij-Trakt“ Richtung Baikal. Dort findet sich alles, was man zur Erholung braucht: sauberes Wasser und saubere Luft, ein Panorama mit schneebedeckten Berggipfeln und erholsame Stille. Die Urlauber leben in Zelten oder quartieren sich in den Holzhütten entlang des Sees ein. Hotelburgen gibt es bisher nicht.
Auf Information und Aufklärung über seine Pläne hat das Ölunternehmen Transneft bisher verzichtet. Offenbar hoffte man, das sensible Projekt ohne öffentliche Diskussion durchziehen zu können. Doch es kam anders. Mitte März demonstrierten in Irkutsk 4 500 Menschen für eine andereT
Die Fernsehkanäle in Moskau haben bisher nicht über die Proteste berichtet. „Die haben eine Anweisung von oben bekommen“, vermutet Valerij Lukin, stellvertretender Vorsitzender des Gewerkschaftsdachverbandes im Gebiet Irkutsk. Lukin ist einer der führenden Köpfe der „Baikal-Bewegung“. Er fürchtet, dass sich der Pipeline-Bau und mögliche Öl-Leckagen negativ auf den Tourismus auswirken. Im Kreml fürchtet man dagegen, dass das Beispiel der Sibirjaken Schule macht. Russland hat wegen des weltweiten Energiehungers noch mehrere Pipelines in Planung. Doch es scheint, dass die Pipeline-Bauer die Umweltschützer in Zukunft in ihre Pläne mit einbeziehen müssen.
Hintergrund:
Sibirisches Öl für China mit einer 4 200 Kilometer langen Ost-West-Pipeline sollen jährlich 80 Millionen Tonnen sibirisches Öl von Tajschet (Gebiet Irkutsk) bis nach Skoworodino (Grenzgebiet China) und weiter bis zum Pazifik-Hafen Nachodka gepumpt werden. Über einen Abzweig von Skoworodino sollen jährlich 30 Millionen Tonnen Öl ins nordchinesische Dazin fließen. Das Pipeline-Projekt nach China geht ausgerechnet auf einen Plan des vom Staat zerschlagenen Ölkonzerns Yukos zurück. Mit dem Bau der Pipeline will man in diesem Sommer beginnen. Bis 2008 soll das Teilstück bis zur chinesischen Grenze fertig sein. Bei der von Umweltschützern geforderten weiträumigen Umgehung der Baikal-Region würden 900 Millionen Dollar Mehrkosten anfallen. Nach der jetzigen Planung kostet die Sibirien-Pipeline bereits 12 Milliarden Dollar.
Die Umweltschützer befürchten, dass bei einem Defekt an der Pipeline innerhalb von 20 Minuten 3 000 Tonnen Öl auslaufen. Der Nordteil des Baikal würde dann von einem Ölfilm bedeckt. Vertreter von Transneft versprechen hohe Sicherheitsstandards für die Energie-Ader. Selbst im Fall eines Unglücks könnten nicht mehr als 100 Kilogramm Öl auslaufen, heißt es. Für die Pipeline verwende man besonders dicke Stahlrohre mit „plastischen Eigenschaften“. Selbst im Falle eines Defekts werde die Stahlwand nicht vollständig zerstört. Öl könne praktisch nicht auslaufen. Die Ökologen kritisieren, dass der Kreml bei der Erstellung des staatlichen Gutachtens Druck auf die Experten ausgeübt hat. Im Januar hatte die staatliche Expertenkommission noch gegen eine T