Flug ins „Tschernobyl des Nordens“

Noch vor Weihnachten soll Uran über den Luftweg von Dresden nach Russland transportiert werden

Noch vor Weihnachten sollen vom Dresdner Flughafen 200 Kilogramm hoch angereichertes und 100 Kilogramm schwach angereichertes Uran nach Russland ausgeflogen werden. Das Material stammt aus dem Forschungsreaktor Rossendorf, zwischengelagert werden soll es in Podolsk, 40 Kilometer südlich von Moskau. Wann der Transport stattfindet, wurde aus Sicherheitsgründen bisher nicht mitgeteilt.

Das Bundesamt für Strahlenschutz teilte mit, „dass selbst bei einem Flugzeugabsturz das zu transportierende Inventar nicht kritisch" werde und „der erforderliche Schutz der Bevölkerung gegenüber radiologischen Auswirkungen gegeben" sei. Zwischen 1990 und 2005 seien bereits sieben Flüge mit hoch angereichertem Uran an Bord genehmigt worden. Dabei sei es meist um den Transport von nuklearem Material in deutsche Forschungszentren gegangen.

Das schwach radioaktive Material aus Rossendorf — es handelt sich um Brennstäbe und so genannte Pellets — wird in 18 Spezialbehältern zum Dresdner Flughafen gebracht. Von dort fliegt es eine russische Transportmaschine nach Russland. Kosten: eine Million Euro.

Wladimir Slivjak von der russischen Umweltschutzorganisation Ecodefense kritisiert den geplanten Transport. Die Operation sei „sehr teuer". Außerdem könne man nicht ausschließen, dass das Material in die Hände von Terroristen gelange oder das Flugzeug verunglücke. „Dann würde ein großes Territorium verseucht. Viele Menschen müssten evakuiert werden." Slivjak meint, man solle das Uran lieber in Deutschland lassen, wo die Sicherheit in Atomanlagen „besser als in Russland" gewährleistet sei.

Das sächsische Wirtschaftsministerium verspricht sich von der Rückführung des Urans nach Russland die Einstufung der Anlage in Rossendorf in eine niedrigere Sicherheitskategorie. Zurzeit gibt das Bundesland für die Bewachung des radioaktiven Materials pro Monat 92 000 Euro aus. Nach der Rückführung verbleiben in Rossendorf 4,5 Tonnen Uran in natürlicher Zusammensetzung, eine kleinere Menge abgereicherten Urans sowie 9,7 Gramm Plutonium.

Der Forschungsreaktor Rossendorf wurde 1957 in Betrieb genommen und 1991 abgeschaltet. Während dieser Zeit wurde Uran-Brennstoff, den man aus der Sowjetunion bezog, zu Forschungszwecken bestrahlt. Nach monatelangem juristischen Streit wurden im vergangenen Jahr bereits 18 Castoren mit insgesamt 951 Brennstäben in das Zwischenlager Ahaus gebracht.

Für die russische Regierung ist der Transport aus Dresden unproblematisch. Russland will in den nächsten 30 Jahren 40 neue Atomkraftwerke bauen und ist an der Zusammenarbeit mit Deutschland auf atomarem Gebiet sehr interessiert. Nach Angaben der russischen Umweltschutzorganisation Ecodefense werden jährlich 3 000 bis 4 000 Tonnen Uranhexafluorid aus Deutschland per Schiff und Bahn nach Russland gebracht. Drei- bis viermal jährlich rollen die Züge mit jeweils 100 Waggons zu sibirischen Chemiekombinaten. Zielorte sind die Städte Angarsk, Nowouralsk und Sewersk.

Aus Sorge vor den wachsenden Halden mit radioaktiven Abfällen und einer Verseuchung des Baikal-Sees — er liegt nur 100 Kilometer vom Chemiekombinat Angarsk entfernt — demonstrierten Anfang Dezember 250 Umweltschützer in der Baikal-Stadt Irkutsk gegen die Atom-Importe aus Deutschland und die Pläne der russischen Regierung, das Chemiekombinat von Angarsk zur internationalen Uran-Anreicherungsfabrik auszubauen.

Das nach Russland gelieferte Uranhexafluorid stammt aus einer Anreicherungsanlage im westfälischen Gronau, wo es als Arbeitsmedium bei der Anreicherung eingesetzt wird. Von dem in Angarsk angelieferten Uranhexafluorid würden nur zehn Prozent als angereichertes Uran wieder zurück nach Deutschland geschickt, erklärt Wladimir Slivjak. Der Rest lagere in Angarsk. Russland, so der Umweltschützer, bekomme für die Lagerung keinen Cent.

Uranhexafluorid ist nach Angaben der Urenco, dem Betreiber der Anreicherungsanlage in Gronau, nur schwach radioaktiv. Nach Meinung des Unternehmens handelt es sich bei dem Material nicht um atomaren Abfall, sondern um einen „Wertstoff" — eine Klassifizierung, mit der das Unternehmen deutschen und russischen Umweltschützern zufolge das russische Importverbot für Atommüll umgehe.

Während Umweltschützer am Baikal-See gegen Uran-Importe aus Deutschland protestieren, loben die Ökologen im nordrussischen Murmansk die deutsche Hilfe bei der Entsorgung von ausgemusterten Atom-U-Booten. Im Juli dieses Jahres wurde in der Sajda-Bucht unter Anwesenheit von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos der erste vollständig von Deutschland finanzierte Bauabschnitt einer Langzeit-Lagerstätte für die Reaktoreinheiten von 120 ausgemusterten Atom-U-Booten eingeweiht. Auf einem bewachten Platz werden die bis zu zehn Meter hohen Reaktoren — ohne Brennstäbe — und andere strahlende Überreste der Atom-U-Boote gelagert. Der Aufbau der Entsorgungs-Infrastruktur von der Werft bis zum Reaktor-Lagerplatz wurde von Deutschland mit 300 Millionen Dollar unterstützt. Die Sajda-Bucht, 60 Kilometer nördlich von Murmansk gelegen, gilt als größte Atommüllhalde der Welt, als „Tschernobyl des Nordens". Dort rosten zahlreiche atomgetriebene Eisbrecher, Kriegsschiffe, U-Boote und ausgeschlachtete Reaktoren vor sich hin.

Insgesamt 197 atomgetriebene U-Boote hat Russland bisher außer Dienst gestellt, 145 Atom-U-Boote wurden bisher entsorgt. Die Brennstäbe werden in das zentralrussische Atomzentrum Majak gebracht, die U-Boote zerlegt. Von offizieller russischer Seite rechnet man damit, dass pro Jahr zehn bis zwanzig U-Boote entsorgt werden können. Die Entsorgung der radioaktiven Altlasten in der Sajda-Bucht werde noch über zehn Jahre dauern, meint Sergej Schaworonki von der Umweltschutzorganisation Bellona. Außer den U-Booten müssten noch 50 Schiffe entsorgt werden, welche die U-Boote mit radioaktivem Brennstoff versorgten. Außerdem müssten die radioaktiv verseuchten Häfen gereinigt werden.

Zur Hilfe aus dem Ausland gibt es jedoch auch skeptische Stimmen. Der bekannte Umweltschützer Aleksandr Nikitin bemängelt, dass man keinen Einblick in die Unterlagen habe. Ein Teil der Gelder aus Deutschland würden von russischen Beamten unterschlagen, befürchtet er.

MDZ    2006-12-18                                                                 

Autor: Ulrich Heyden